Mitte Jahrhundert modernen Beistelltisch

Mitte Jahrhundert modernen Beistelltisch

Mitte Jahrhundert Modernen Beistelltisch

Bestimmte Worte waren dem 18. Jahrhundert weitgehend fremd. Das Wort „Entwicklung“ gehört zu ihnen. „Veränderung“ ist das Wort, das sich im frühen 18. Jahrhundert überall dort findet, wo man im 19. Jahrhundert Entwicklungsthesen sucht. Eine Veränderung kann in einem Menschen vorgehen, dieser fasst einen neuen Entschluss, wird von einer neuen Stimmung erfasst, verändert sich von da auf grundlegend. Veränderungen, Revolutionen sind im 18. Jahrhundert nicht minder in allen historischen Prozessen gesucht. Reiche gehen unter, andere werden gegründet. Man geht im 18. Jahrhundert davon aus, dass Kultur des Entschlusses bedarf. Adam entschied sich, erwachsen auf die Welt gekommen, am ersten Tag seiner Existenz, die Dinge zu benennen und aus einer einfachen Kombination von Vorstellungen die wesentlichen Erfindungen wie Schiffe, Häuser, und Städte zu begründen.
mitte jahrhundert modernen beistelltisch 1

Mitte Jahrhundert Modernen Beistelltisch

Die Herrschaft geht im 18. Jahrhundert noch von den Herrschaftshäusern und politischen Parteiungen aus, sowie von mächtigen Adeligen, die hinter den Parteiungen stehen. Kriege werden im 18. Jahrhundert dementsprechend wahrgenommen: Regenten wollen sie und lassen ihr Geld in sie fließen. Militärische Niederlagen werden im 18. Jahrhundert nicht als nationale Demütigungen empfunden, sondern als Teil einer von Regenten gestalteten Machtpolitik. Hier entwickelt sich im 19. Jahrhundert eine ganz neue Wahrnehmung. Sie ist vor allem eine Folge der Französischen Revolution und der Napoleonischen Kriege, die von einem ganz neuen Heer getragen werden – einem aus Staatsbürgern zusammengesetzten. Insbesondere Deutschland hat dem französischen Nationalismus zu Beginn des 19. Jahrhunderts wenig entgegenzustellen. Das Heilige Römische Reich ist in Einzelstaaten zersplittert, die von Napoleon gegeneinander ausgespielt werden. Der Reichsverband wird aufgelöst. Deutschlands Intellektuelle fordern in der Reaktion auf die Bedrohung einen Nationalstaat, der erst noch gegründet werden muss, der jedoch auf diesem Weg mit einem ganz neuen Bewusstsein von Staatsbürgerlichkeit ausgestattet wird. Ende des 19. Jahrhunderts sind militärische Niederlagen dann mit enormen nationalen Gesichtsverlusten verbunden. Ein deutsches Heer zieht 1870 durch Frankreich und erzwingt in Versailles, dem traditionellen Ort der von Frankreich ausgehenden Herrschaft, ein Eingeständnis der Niederlage, das als nationale Schmach empfunden werden muss (und 1918 eine internationale Gegenantwort, eine verheerende Demütigung Deutschlands nach sich zieht).
mitte jahrhundert modernen beistelltisch 2

Mitte Jahrhundert Modernen Beistelltisch

Massiv zeichnen sich die skizzierten Veränderungen im Wissenschaftsbetrieb ab: Bis in das 18. Jahrhundert hinein wurden die Wissenschaften an kirchlichen und landesherrlichen Institutionen unterrichtet. Die Fächer Theologie, Jurisprudenz, Medizin und Philosophie teilten den Wissenschaftsbetrieb unter sich auf. Nationale Akademien der Wissenschaften kamen mit dem 17. Jahrhundert ins Spiel und gaben der „Gelehrtenrepublik“ neue Dachstrukturen. Die Naturwissenschaften blieben jedoch bis in das späte 18. Jahrhundert trotz der spektakulären Erkenntnisse seit Galilei und Newton eine Domäne für Liebhaber. Es gibt für sie im 18. Jahrhundert keinen wirtschaftlichen Nutzen und keine Berufe, in denen sie sich auszahlen könnten.
mitte jahrhundert modernen beistelltisch 3

Mitte Jahrhundert Modernen Beistelltisch

Bis in das 18. Jahrhundert war vor allem die Religion für das Individuum und sein Innenleben zuständig. Die Medizin entwickelte grundlegende Theorien zu bestimmten Gemütsverstimmungen, die sie auf Ungleichgewichte im Säftehaushalt zurückbezog. Eine Wissenschaft der Psychologie brachte das 18. Jahrhundert nicht hervor. Sie entsteht in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts durch die Konzeption eines neuen Individuums, das sich durch persönliche Schwächen definiert und „sympathisch“, wörtlich attraktiv für Mitgefühl, macht. Attraktivität lag im frühen 18. Jahrhundert in der Bereitschaft, die eigene Reputation zu verteidigen. Im späten 18. Jahrhundert werden zartfühlende Helden attraktiv, die das Verständnis ihrer Umwelt einfordern, deren Schutz verlangen.
mitte jahrhundert modernen beistelltisch 4

Mitte Jahrhundert Modernen Beistelltisch

Am naheliegendsten ist es, das 19. Jahrhundert rein kalendarisch zu definieren. Demnach dauerte es von 1801 bis 1900. In der Geschichtswissenschaft jedoch wird häufig von einem langen 19. Jahrhundert gesprochen, womit Zeiträume davor bzw. danach angegliedert werden. Dies soll inhaltlich aussagekräftiger sein; will man Kontinuitäten statt Epochengrenzen betonen, dann lässt sich sowieso nicht von exakten Jahren als Start- und Endpunkt reden. Jahre wie 1789, 1871 oder 1914 könnte man vielleicht besser als Mitte und nicht als Rand von Perioden denken, also von einem Vorher und Nachher aus betrachten, so der Historiker Jürgen Osterhammel. Andere Historiker sprechen umgekehrt von einem kurzen oder eigentlichen 19. Jahrhundert.
mitte jahrhundert modernen beistelltisch 5

Mitte Jahrhundert Modernen Beistelltisch

Mit den neuen Medien nimmt die staatliche Struktur neue Formen an. Herrschaft bedurfte im Mittelalter immer wieder der persönlichen Präsenz des Regenten, der im Bedarfsfall von Pfalz zu Pfalz reiste, um Herrschaftsansprüche vor Ort geltend zu machen. Die frühe Neuzeit erlaubte die zentrale Machtausübung, den Absolutismus, als neue Herrschaftsform. Eine zentrale Steuer- und Geldpolitik und eine bis an die Landesgrenzen reichende militärische Präsenz sicherten die absolutistische Herrschaft. Die Erfindung des Drucks zog im 17. Jahrhundert die Entwicklung der Zeitungen als Informationsquelle nach sich. Ab Mitte des 17. Jahrhunderts breiteten sich Nachrichten mit der Geschwindigkeit des Postverkehrs flächendeckend in Westeuropa aus, sie erreichten die Regierenden wie die Bevölkerung. Dieser Informationsfluss ließ sich bis in das 19. Jahrhundert kaum beschleunigen. Sicherheit von Information ließ sich damit nicht beliebig steigern – die Überprüfung von Fehlinformationen dauerte bis in das 19. Jahrhundert hinein zwischen den Metropolen Europas Wochen, entsprechend misstrauisch wurden Nachrichten behandelt.
mitte jahrhundert modernen beistelltisch 6

Mitte Jahrhundert Modernen Beistelltisch

Das späte 19. und frühe 20. Jahrhundert werden am Ende zur Epoche der modernen Psychologie – der Wissenschaft, die Fehlentwicklungen in Dispositionen und schlecht verarbeiteten Erfahrungen aufspürt. Mit ihr ist der Zustand erreicht, an dem das Individuum der Theorie nach über sich weniger weiß als die neuen Humanwissenschaften, die Daten erheben, klassifizieren, Schädel vermessen, Krankengeschichten sammeln – ein komplexes Inventar an Interaktionen eingerichtet haben, mit denen die Wissenschaften dem Individuum begegnen. Eigene Phantasien setzte das im 18. Jahrhundert frei – von der Frankensteinphantasie bis zur Phantasie der positivistischen, wohlgeordneten Welt. Neue Phantasien werden dies im 20. Jahrhundert freisetzen: Die von Zwangsstaaten, die dem Individuum keinen eigenen Entwicklungsraum mehr lassen werden.
mitte jahrhundert modernen beistelltisch 7

Mitte Jahrhundert Modernen Beistelltisch

Versucht man weltgeschichtlich zu denken, ist es noch schwieriger, ein 19. Jahrhundert zu definieren. Allein schon wegen der anderen Kalendersysteme ist der Jahrhundertbeginn 1801 eine rein westliche Angelegenheit gewesen. Beispielsweise in Japan war die Wiederherstellung der Kaiserherrschaft (1868 und danach) von viel größerer Bedeutung als Ereignisse um 1800 oder um 1900. Nach dem Kulturhistoriker Louis Bourdeau habe die gesamte Französische Revolution für die Chinesen seinerzeit gar nicht existiert; selbst für Großbritannien waren diese Jahre zumindest innenpolitisch weniger bedeutend als der eigene revolutionäre Umbruch im 17. Jahrhundert. Osterhammel zufolge kann man vor dem 20. Jahrhundert von keinem Jahr behaupten, dass es für die gesamte Welt epochale Bedeutung gehabt habe.
mitte jahrhundert modernen beistelltisch 8

Identifizierten sich Großbritannien und Frankreich mit längerer Tradition als Nachfahren Roms, so wählt Deutschland im 19. Jahrhundert einen folgenschweren nationalen Sonderweg. Das Mittelalter wird zur eigenen großen Phase der Nation gemacht. Über das Mittelalter gründet sich die neue Nation auf „germanische“ Wurzeln. Als Option war dies bereits in Debatten der Humanisten angelegt. Nun jedoch wird ein spezifischer Nationalcharakter und eine neue Ethik hinzuentwickelt. Deutschland bricht im 19. Jahrhundert mit Idealen des christlichen Humanismus. Das Germanische wird als Gegenkultur aufgebaut, in der das Volk am Ende die Ethik rechtfertigen soll – es wird zur vitalen biologischen Einheit, welche die Nation als Organisationsform hervorbringt und die von der Nation aggressiv gegen Einfluss der Nachbarnationen geschützt werden muss. Von der Romantik geht hier eine Entwicklung in die Philosophie Friedrich Nietzsches, die einen über der Moral stehenden Übermenschen denkbar macht, in den Nationalsozialismus des 20. Jahrhunderts, wo der Übermensch und das Volk rassistische Qualitäten gewinnen gegenüber den „Untermenschen“ im Land und „in den slawischen Völkern“ des Ostens, deren Unterwerfung und Ausrottung Programm des wirtschaftlich und militärisch modernen Nationalstaates werden – eines Nationalstaats, der die verqueren Traditionsangebote des 19. Jahrhunderts zusammenbringt und der schließlich zum Schutz der „arischen Rasse“ schreitet.
mitte jahrhundert modernen beistelltisch 9

Das lange 19. Jahrhundert umfasst am Anfang ein Zeitalter der Revolutionen, das mit der Französischen Revolution 1789 beginnt oder noch früher unter Einbezug des nordamerikanischen Aufstandes. Dieses Zeitalter der Revolutionen endet dann mit der Niederlage Napoleons 1815, oder später. Am Ende des Jahrhunderts beginnt ein Zeitalter des Imperialismus oder Hochimperalismus, womit die Zeit bis zum Ersten Weltkrieg überbrückt wird; oder aber man lässt das Zeitalter und damit das lange 19. Jahrhundert mit dem Epochenjahr 1917 oder dem Kriegsende 1918 oder erst nach den Friedensschlüssen (1919/1920 oder gar später) enden.
mitte jahrhundert modernen beistelltisch 10

Eric Hobsbawm unterteilt das lange 19. Jahrhundert in das Zeitalter der Revolution (1789–1848), das Zeitalter des Kapitals (1848–1875) und das Zeitalter des Imperiums (1875–1914). Reinhart Koselleck prägte den Begriff der Sattelzeit, die etwa von 1770 bis 1830 gedauert habe. Daran schließe sich, so Osterhammel, eine mittlere Periode an, die rückblickend charakteristisch für das eigentliche 19. Jahrhundert war. Diese Zeit zwischen den 1830er und 1890er Jahren mit ihren Umbrüchen auch in Philosophie und Kultur entspricht in etwa der viktorianischen Zeit, von der man in angelsächsischen Ländern spricht. Dann kam schließlich eine krisenhafte Umbruchphase um 1880 oder danach, mit dem hochimperialistischen Wettbewerb der Großmächte und anderen Machtverschiebungen etwa mit dem Sieg Japans über China 1895.
mitte jahrhundert modernen beistelltisch 11

Nationale Euphorien, wie sie in der Befreiung Griechenlands von den Türken in den 1820ern und im Einigungsprozess Italiens (vgl. Risorgimento) Mitte des 19. Jahrhunderts aufkommen, bleiben ohne Parallele im 18. Jahrhundert – weder die englische Glorious Revolution von 1688 noch die Französische Revolution waren von vergleichbaren nationalen Sentimenten der Vereinigung begleitet. Europas Intellektuelle wie der Romantiker Lord Byron, der bei einem militärischen Kommando in Griechenland stirbt, entwickeln eine romantische Identifikation mit den neuen nationalen Bewegungen, die vom Volk getragen werden müssen, um zu funktionieren. Der neue Nationalismus erscheint authentischer als die Politik des 18. Jahrhunderts, sowie echter und den Wurzeln näher.

Published on Jun 15, 2016 | Under News | By admin
please edit your menu